Nicht nur die Berliner haben ihr "Kiez"!

— Die frühen Jahre meines Lebens brachte ich in einem Haus herum. Es war ein älteres Haus. Foto hab ich keins (ich komm heut nicht mehr in diese Gegend). Aus dem Krieg mußte es einen Schaden erdulden. Auf der Zeichnung ist es ein markanter Orientierungspol; leicht erkennbar daß es sich an der Vertikalachse spiegeln ließe. Ob die einstige Form so war, weiß ich nicht. Wenn – dann müßte man in den vormaligen Zimmern (geschätzt ist die Hälfte weggesprengt) ein lützeles Festbankett aufstellen können; vor dem Kriege lebten die Leute schlicht pompöser ... groß waren die Zimmer, die Küche hatte eine richtige Speisekammer, das Bad war in der Wohnung!

— Einer der Bewohner hatte eine Ecke für seine Hühner im Innenhof des Hauses. Früher störte es keinen wenn irgendwo ein Hahn kräht.

— Ausgehend vom Haupteingang des Hauses hatte ich, nächstens gegenüber, eine Tischlerei in Sicht. Die Ringstraße rechts lang / bis zum Ende durchgehend / kam ich schnurstracks (nein, der Weg macht dort einen Bogen) / über die nächste, die Frankfurter Straße / zur "Spreepromenade", sowie linkerhand zur Burg / in der das Heimatmuseum untergebracht war.

— Vom Haus aus links herum waren's wenige Meter bis zur Kreuzung. In den 80ern kreuzte man dort hinüber und kam zum Bäcker. Diese Bäckerei ist bis heute da, nun aber auf der anderen Seite. Täte ich nun dort wohnen (meine Recherche im Online-Telefonbuch lokalisierte einige bereits vormals dort ansäszige Namen), so müßte ich nicht mehr über die dicht befahrene Bahnhofstraße. Was in jener Richtung liegt, das sagt der Name. Vorher steht da das Kino, dort sah ich früher "Die fliegende Windmühle", "Das fliegende Auge", "Automärchen", "Asterix" oder den neusten Film von Rolf Losansky* ... dem Kino ist heute eine Eisbar angeschloszen.

Mein Kiez

— Von der Innen-/Hinterhoffaszade ausgehend (von dieser Seite ist die Sicht auf der Zeichnung) kam man nach ein paar Schritten – die Oststraße rechts, einen Hügel hinauf** – auf die Mauerstraße (neben dem "Mäuseturm" der mittelalterlichen Stadtmauer). Dort / an einigen Garagen entlang / waren drei nicht so neue Neubauten. In deren einem – ich meine es war das erstere – wohnte ein Klaszenkamerad (den ich kannte, ihr jedoch nicht).

— Manchmal kam ein weiterer Kamerad hinzu / welcher fast an der Spree wohnte (Jörn; Timo nannte ihn konsequent "Björn"; beides sind zwar nordische Namen – doch ist das eine von "Bär" abgeleitet, weiland "Jörn" eher "ehern" meint – in der Kombinacion zum Nachnamen dann "eherner Zink".)

— Von Timos Residenz aus war es ein leichtes über eine weitere Kreuzung zu gehen / wo am Ende der Straße das sozialistische Schulsystem sich jedem individuellen Vorwärtsdrängen in den Weg stellte – man mußte da seitlich ausweichen, an der Mauer lang zum "Kulturhaus"*** (oder dorthin wo Jörn wohnte).

— Ich wohnte immer "extra muros". So offen die Mauer – war man doch immer mittendrin, in der Stadt. Durch elterliche ... (Ja, was denn?! Fürsorge war's sicherlich nicht!) ward ich aus diesem doch recht gesunden Milieu rasch herausgeriszen / verschleppt in die neue Neubausiedlung / am Rande der Stadt / weit ab von allem. Machte ich mir die Mühe einer längeren Beschreibung des Stadthauses und deszen Ambiente / so kann ich alles – was dieses moderne "schöner wohnen" ausmacht – in einem einzigen Wort ausdrücken: Plattenbau!

— "Ameisenkolonie" oder "Termitenstock" täte es gleichsam. (Eine allzu offensichtliche Star-Trek-Parallele erspare ich mir an dieser Stelle ...) Alles, was ich vorher hatte, hatte ich da nicht mehr. Da waren keine Hühner, kein Bäcker, kein Tischler gegenüber. Gegenüber der Platte war eine Platte!

— Die reale Entwicklung ist recht authentisch in der DFF-Serie "Kiezgeschichten" dokumentiert. In Folge 6 holt Heinz Behrend (Name der Rolle ist mir momentan nicht präsent; man kennt ihn als Sohn von Maxe Baumann) seinen Schwiegervater "Botte" (Gerry Wolff) in seine Neubauresidenz. Aus heutiger Sicht zeigt diese Folge, wohin sich der typische Plattenbewohner entwickeln sollte ... immer streszig, oberflächlich, oberschnöselig ("Opa, entschuldige ... du siehst – bei uns ist es morgens immer ein bißchen turbulent.")

Kiezgeschichten Episode 6 (Szenenfoto)

— Das schien erst nicht so.

— In meiner ersten Platte hatte ich Kontakte zu den Kindern der anderen Mieter, da wurde laut durch's Fenster palavert oder irgendwas hinaus-/hereingereicht (Parterre), alle waren viel argloser ... (aus heutiger Sicht weiß ich – das ist stillos, es nervt alle außenstehenden, es kennzeichnet den dramatischen Beginn einer katastrophalen Entwicklung!) Damals wußte ich von einem, der dort wohnte, daß er eigene Soldat-Schweijk-Stories schreibt****. Man las die Mosaik-Sammlungen des jeweils anderen (Digedags gegen Abrafaxe). Nach changierenden Wohnungen (von Platte zu Platte) – oder der Mieter – wurden mir die Leute zunehmend einerlei — bis zur heutigen Antipathie.

— In den 90ern war kurzzeitig eine vormalige Klaszenkameradin eine Tür weiter eingezogen. Bei entsprechenden Rahmenbedingungen hätte ich wohl mehr Interesze für sie aufbringen können. Aber meine heutige feste Meinung über Mieter in einer Platte war damals bereits in vager Prägung. (Daß da etwas gegangen wäre + daß sie selbst, gleich mir, plattengeschädigt ist – das lernte ich erst vor wenigen Jahren, wann ich sie unerwartet in der Stadt traf. Doch wo ich vormals zu unbestimmt war, bin ich nun zu fokusziert auf anderes.)

— Tauben gelten als die "Ratten der Lüfte". Wie sollte ich dann das nennen – was in Plattenbauten herangezüchtet wird? Wie wäre "Ratten der Urbanisacion"?!


* Was C. U. Wiesner für's TV war, war Rolf Losansky für's Kino. Einstmals konnten Filmemacher aus Frankfurt an der Oder kommen; heute findet man dort keinen einzigen YouTube-Promi.

** Dort fand sich jene Örtlichkeit wo man winters seine Kohlen holen konnte; ja, in den 80ern heizte man im Ofen! Diese – vor's Haus geliefert – wurden dann durch's Fenster in den Keller geschaufelt. Manchmal lagen sie eine kurze Weile bis ein potencieller Schaufler heimkam, doch blieb alles liegen! In der heutigen Zeit – selbst da die Leute keine Öfen mehr haben - wäre das nicht so sicher ...

*** Im"Kulturhaus" konnten Besucher – neben Taddeus Punkt & Struppi oder Reinhard Lakomy – viele Leute, die jeder Fersehkieker kannte, in natura (und in bunt) sehen. Nach der Wende, haben sie's in "Schützenhaus" umbenannt. Welche Sorte von Schützen sie dort anzutreffen erwarteten – wer weiß?! Wer als erster das Glas in den weit geöffneten Schlund stürzt ohne daß allzuviel des Inhalts zu Boden fließt ... heute ist ein griechisches Restaurant darinnen.

**** von den Schreibplänen ist wohl nichts übrig geblieben, seine Eltern zogen weg, ich hörte nichts mehr von ihm ...